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Fr 22. April 2016

Fast ein bisschen Illuminati

Die Fresken in der Martinskapelle

Meine beste Medizin gegen die Motivationslosigkeit die die lange Winterpause mit sich gebracht hat:  Eine gebuchte Stadtführung in Bregenz mit Schwerpunkt Martinskapelle! Endlich werden die Gehirnzellen wieder ordentlich durcheinander gerüttelt und kann ich den Stadtsteig hinaufklettern um die Fresken in der Oberstadt zu betrachten. Die Kapelle ist seit Ostern wieder täglich geöffnet und dadurch kann ich mich vor Ort einlesen, in eine Materie die mich immer wieder von Neuem fasziniert. Faszinierend ist sie sicher nicht nur für mich, die mittelalterliche Kunst und ihre Symbolik. Wohl nicht umsonst hat Dan Brown mit seinem Buch „Illuminati“ solche Erfolge gefeiert

 

 

Die Martinskapelle in der Oberstadt ist prinzipiell recht ja einfach zu finden. Als Fußgänger am Leutbühel geht man tendenziell aber eher so, dass man keine Gefahr läuft je dort anzukommen. Man kratzt sozusagen vorher die Kurve und gelangt, von der Fußgängerzone her kommend, in einem Bogen wieder zurück Richtung See, wo man dann beim vorarlberg museum ankommt. Hier ist die Gelegenheit schon verpasst und man hat sich vom interessanten shopping-Angebot zu den architektonisch inszenierten Museumsbauten gehangelt. Allerdings ohne das Objekt der Begierde – den Martinsturm nämlich – je auch nur gestreift zu haben. Ein weiterer und nicht unwesentlicher Grund sich ab und zu einen Guide zu leisten!

 

 

Für mich ist der Weg natürlich kein Problem und stürze mich (ziemlich außer Puste, ebenfalls eine Folge der langen Winterpause) ins Kirchlein und führe mir genüsslich die Fresken zu Gemüte. Die meisten davon stammen noch aus dem 14. Jahrhundert. Die Menschen der damaligen Zeit waren tatsächlich noch imstande diese Bilder zu „lesen“.

Als sogenannten Armenbibeln erzählten sie dem gemeinen, ungebildeten Volk in bunten Bildern,  was es vom lateinisch sprechenden Pfarrer ohnehin nicht verstand. So viele Inhalte aus der Bibel und damit unserer Kulturgeschichte, aber auch Symbolik sind in der "biblia pauperum" versteckt, dass ein Mensch früher vermutlich hätte stundenlang darüber erzählen können. Auf alle Darstellungen und ihre Einzelheiten einzugehen ist kaum möglich, aber ein Bild hat es mir besonders angetan...

 

 

...es ist hoch oben an der Nordwand des Gotteshauses und zeigt den Heiligen Josef als Zweifler. Da sitzt er also zu Füßen Mariens und schaut ziemlich verzweifelt drein, erklärt sie ihm doch gerade dass sie zwar im sechsten Monat schwanger, aber niemals von einem Mann berührt worden sei. „Ein ziemlich dicker Hund“ würde man heute sagen und man kann sich gut vorstellen, dass der gute Josef schon mal kurz vom Donner gerührt war. Ein niederschmetterndes Geständnis das sie ihm da auf unserem Bild so offenbart. In ziemlich dominanter Pose wie ich übrigens finde.

Der Künstler hat sie ebenfalls, schon zu diesem Zeitpunkt und in der Phase der Schwangerschaft als gottgleiche Königin dargestellt. Darauf weisen der Heiligenschein und der Thron hin. Die Hierarchie ist also bereits festgelegt und von einem „ob seiner Verfehlung unterwürfigen Weib“, ist weit und breit nichts zu sehen. Es wirkt eher als so also ob sich ihrer Sache sicher ist und den Ausgang der Geschichte bereits kennt.

Maria sitzt da in grünem Gewand, dargestellt in der Farbe der Hoffnung. Die Hoffnung die sie in sich trägt und die auf ihr liegt.

 

 

Josef hingegen finden wir als alten Mann, mit einem seiner Attribute - dem Wanderstock. Man möchte sich die Zweifel nicht vorstellen die er damals hatte und wie er mit seinem Schicksal gehadert hat. Dennoch lässt sich der für seine Gütigkeit bekannte Greis (im Mittelalter ging man davon aus dass Josef damals schon um die achtzig war) erweichen und glaubt seiner jungen Frau aufgrund eines Traumes der ihn ereilte und ihm die Empfängnis durch den heiligen Geist bestätigte.

Die Barmherzigkeit und Güte mit der Josef in Verbindung gebracht wird ist oft auch eine Tugend des Alters. Vielleicht mit ein Grund warum er sie nicht verstoßen und damit vor der Steinigung bewahrt hat. Viel zu sagen hatte er jedenfalls nicht, oder ließ man ihm nicht. Er wird in keiner einzigen Überlieferung zitiert und auch auf dem Fresko hier ist er ohne Heiligenschein abgebildet.

 

 

Solche und etliche weitere Geschichten aus der Bibel befinden sich in der Martinskapelle. Eine schöne Fortsetzung finden wir in einem Bilderzyklus an der Ostwand der Kapelle – dort befinden sich die Darstellungen der sieben Freuden Mariens.