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Do 29. September 2016

1400 Jahre Lesekultur

Die Vorarlberger Landesbibliothek

Schon wenn ich durch das schmiedeeiserne Tor den Park der Vorarlberger Landesbibliothek betrete erfasst mich immer die besondere Schwingung dieses Ortes. Es ist fast so etwas wie ein Kraftort für mich. Hier fühle ich mich immer sicher, ruhig und angesichts der beeindruckenden Architektur und Büchervielfalt ehrlich gesagt auch ein bisschen klein. Aber es ist ein gutes „Klein“. Im Inneren des Hauses gibt es so viel Wissen, dass ein einziges Menschenleben niemals ausreichen würde es aufzunehmen. Die unterschiedlichen Themen denen sich Autoren, Chronisten und Wissenschaftler über Tage, Nächte und Jahrhunderte hinweg gewidmet haben, sind überwältigend. Der Ort atmet es förmlich!

 

Kein Wunder, denn hier weht der Geist einer über 2.000 Jahre alten Geschichte. Die archäologischen  Funde weisen schon auf das keltische Brigantion, aber auch auf eine Kultstätte des römischen Brigantium hin.

Die „verschriftlichte“ Geschichte des Ansitzes reicht mehr als 1.400 Jahre zurück. Ziemlich genau so lange ist es her, dass die iroschottischen Wandermönche Kolumban und Gallus sich hier niedergelassen haben. Nachdem sie erst mal sämtliche heidnischen Zeugnisse in den See geworfen und versenkt haben, errichteten sie genau an diesem Ort ihre Zellenhäuschen um das spätrömische, entweihte Aureliakirchlein und schufen damit eine der ältesten klösterlichen Niederlassungen im süddeutschen Raum. Kolumbans Hagiograph schrieb dann auch 25 Jahre nach dessen Tod: „Er saß bei seinem Bregenzer Kloster auf dem verfaulten Stamm einer Eiche und las in einem Buch“.  Es stimmt also: Seit über 1400 Jahren wird an diesem Ort gelesen!!!

 

Die Missionstätigkeit der beiden Prediger in Bregenz war keine Erfolgsgeschichte. Zu streng und zu hoch war die Erwartungshaltung an die Menschen, zu starrsinnig, widerspenstig und wenig Gehorsam geneigt, die Bevölkerung. Der Ort fiel in einen tiefen Schlaf nachdem die Ordensmänner den Platz verlassen hatten.

Im Spätmittelalter (13./14. Jht) wurde dann ein Gut „Babenwohl“, als Vorburg für Hohenbregenz erstmals urkundlich erwähnt. Danach diente es über Jahrhunderte hinweg verschiedenen Herrn als Lehnsgut und kam schließlich doch wieder in den Besitz heiliger Männer zurück. Der Benediktinerorden, des am Bregenzer Seeufer gelegenen Klosters Mehrerau, nützte das Anwesen als Notunterkunft. Josephinischen Reformen und napoleonische Kriege brachten schwere Zeiten. Der letzte Dolchstoß war die Auflösung des Klosters Mehrerau samt dem Ansitz Babenwohl - beides ging in den Besitz des Königreichs Bayern über. Vorarlberg wurde annektiert.

Erst 1854 fand das Schlösschen, mittlerweile wieder Österreich zugehörig, mit einem neuen Besitzer eine gänzlich neue Bestimmung und Erscheinungsbild. Baron Ernst von Pöllnitz grübelte zwei Tage und zwei Nächte über den Plänen seines erstandenen Hauses, stellt sie auf den Kopf, gestaltet sie um, vergrößerte sie durch einen Neubau und ließ seinen Entwurf originalgetreu umsetzen, ohne auch nur einmal mit der Wimper zu zucken. Mit seinem Adelstitel brachte der Würzburger Baron aristokratische Gäste nach Bregenz und etablierte ein durchaus höfisches Leben.

 

Nachdem Pöllnitz‘s Tochter 1906 den Sitz veräußerte ging er an den schweizerischen Benediktinerkonvent Mariastein. Der Baulust des nun in Bregenz ansässigen Ordens ist der klassizistische Kirchenbau mit der stattlichen Kuppel zu verdanken. Das Kreuz ragt in nahezu himmlische 36 m Höhe empor!

1941 wurde die Klostergemeinschaft zum Opfer des Regimes und von der Gestapo vertrieben. Das Gallusstift wurde aufgehoben. In den 80er Jahren ging das Anwesen per Verkauf in den Besitz der Stadt Bregenz über und dient Land und Leuten nun seit ca. 35 Jahren als Landesbibliothek. Der Entschluss aus einer heiligen Stätte eine Bibliothek zu machen fiel nicht leicht, hat sich aber als richtig herausgestellt.

 

 

Heute befinden sich in den Räumlichkeiten der ehemaligen Abteikirche abertausende Bücher zu tausenden unterschiedlichen Themen.

 

 

Die Bibliothek ist Bildungszentrum, versteht sich als Ort der Begegnung, stellt aber auch wissenschaftliches Arbeiten ins Zentrum. Wer nach Fachliteratur sucht wird hier nicht nur garantiert fündig, man kann auch den Wahrheitsgehalt der Inhalte als außerordentlich hoch einstufen. Davon kann unser digitaler Kollege „google“ nur träumen!

So explizit, fein säuberlich aufgereiht und katalogisiert kann der amerikanische Googgeler garantiert nicht krähen! Mit ein Grund warum das Handy hier aus bleibt. Und ein zusätzlicher Anreiz hier jährlich ca. 2.000 angehende Maturanten in die Welt des wissenschaftlichen Arbeitens einzuführen.

 

Auch wenn der Geist der Zeit in sämtlichen Nischen sitzt, von Stillstand ist hier nichts zu spüren. Die modernen Mittel der Technik kennt und nutzt man auch hier schon längst. Nicht nur dass die Bücher katalogisiert und digitalisiert werden, das Haus kann auch auf eine stattliche Sammlung von Bildern blicken. Wer alte Ansichtskarten und Fotos sucht, kann in der Bilddatenbank „volare“, aus sage und schreibe 150.000 Exemplaren wählen!

„Wir sind aber noch lange nicht fertig. Es gibt noch etliche Bestände und immer wieder Neuzugänge die uns vermacht werden“ lasse ich mir von einem Insider flüstern. Wie man das so nonchalant hinnehmen kann ist mir völlig schleierhaft. Mich würde eine derartige Tatsache in hochgradige Verzweiflung stürzen! „Das Geheimnis ist“, so wird mir erklärt, „nicht den Berg vor einem zu betrachten, sondern den Weg der hinter einem liegt“. Sprachs und arbeitet heute noch daran!

Neben all diesen Inhalten gibt es natürlich auch noch die Bestände aus den klösterlichen Büchersammlungen. Viele sind verloren gegangen oder zerstört worden, einige haben aber doch überlebt und so findet man in der Stiftsbibliothek heute noch wunderbare pergament- oder ledergebundene Kostbarkeiten der Kapuziner in Bregenz, der Jesuiten der Stella Matutina in Feldkirch, sowie der Benediktinerklöster in Bezau und Bregenz. Die Bücher sind denn auch zum Lesen da. Sogar diese alten Bestände. Es ist allerdings kein Leichtes, denn dazu sollte man zumindest Latein beherrschen und die Frakturschrift kennen. Ca. 90% des Inhalts dieser Bücher widmet sich dann auch theologischen Themen…

 

Ganz zum Schluss darf ich ich noch das Radio- und TV-Archiv in der ehemaligen Sakristei der Landesbibliothek erwähnen. Hier hat man die Wahl aus ca. 30.000 Stunden Ton- und Bildmaterial. Vor allem findet man wirklich jede einzelne von insgesamt ca. 9.000, im Ländle so beliebten Lokalsendungen, „Vorarlberg Heute“!

 

Vielen Dank an Guntram Rauch von der Vorarlberger Landesbibliothek für die zuvorkommende Unterstützung, Zeit und Möglichkeit mir einen Blick hinter die Kulissen zu ermöglichen. Es war toll und für einen Moment war ich ganz oben tatsächlich schwindelfrei!

 

 

Fotos Nr. 1, 4, 5, 7  von oben nach unten: Gerhard Kresser, Vorarlberger Landesbibliothek

Foto Nr. 2 historische Postkartenansicht Archiv, Vorarlberger Landesbibliothek

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